Insolvenzen: Wenn’s knallt, dann richtig

Bei den Unternehmensinsolvenzen ist Deutschland wie das kleine gallische Dorf aus Asterix und Obelix, das sich dem Rest der Welt widersetzt. Der Zaubertrank ist die boomende deutsche Wirtschaft. Gegen den weltweiten Trend sinken in der Bundesrepublik die Insolvenzen auch 2018 nochmals um etwa 4%. Doch: Das ist trotz der guten Nachricht kein Grund zur Entwarnung.

Die Schäden für Unternehmen durch Insolvenzen [1] in den letzten Jahren sind nämlich deutlich gestiegen: von insgesamt 17 Milliarden (Mrd.) Euro (EUR) in 2015 auf 30 Mrd. EUR in 2017. Die durchschnittlichen erwarteten Schäden haben sich von 700.000 EUR in 2015 auf 1,5 Millionen (Mio.) EUR in 2017 sogar mehr als verdoppelt.

Dieser Trend setzt sich auch 2018 fort: In den zwölf Monaten bis Ende August 2018 stieg das Durchschnittsvolumen der voraussichtlichen Forderungen von Unternehmen um über 30% an im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das bedeutet: Wenn’s knallt, dann richtig. 
Dann wird es teuer. Meist hat dies Folgen für die ganze Lieferkette. Viele Lieferanten sind plötzlich mit großen Schadenssummen konfrontiert – und zum Teil überrascht.

Zaubertrank deutsche Wirtschaft

Durch den Zaubertrank der bislang boomenden deutschen Wirtschaft in Kombination mit den weiter sinkenden Fallzahlen wiegen sich viele Unternehmen in falscher Sicherheit. Doch das Ende des Konjunkturzyklus‘ ist auch in Deutschland langsam am Horizont sichtbar. Die Wachstumsdynamik verliert langsam an Fahrt. Wahrscheinlich ist sogar, dass die Fallzahlen 2019 in der Bundesrepublik erstmals wieder stagnieren werden.

Das „gallische Dorf“ bleiben die deutschen Unternehmen aber auch dann voraussichtlich: Denn weltweit steigen die Insolvenzzahlen bereits. 2018 gehen wir von 8% mehr Pleiten aus, 2019 sind es voraussichtlich weitere 5% mehr.

Als Exportnation kommen für die Deutschen zahlreiche wirtschaftliche und politische Risiken hinzu wie Handelsbarrieren, eine teilweise hohe Verschuldung von Unternehmen und dadurch steigenden Kreditrisiken. Auch innerhalb Europas ist nicht alles rosarot. Der Brexit und Italiens Staatshaushalt sorgen weiterhin für Unsicherheit. Mit der Slowakei, Luxemburg, Dänemark, der Schweiz, Finnland, Norwegen und Belgien finden sich 2018 zudem zahlreiche wichtige europäische Handelspartner der Deutschen auf der Liste der Staaten mit steigenden Pleitezahlen. Vor den Toren Europas macht die Türkei ebenfalls Sorgen und verzeichnet ein deutliches Plus an Insolvenzen.

Globale Exportrisiken sind eine Sache. Wie die Entwicklung der Schäden zeigt, ist aber auch in Deutschland nicht alles sicher: Hier macht der weltweite Trend vor Deutschland nicht Halt – Zaubertrank hin oder her.

Mehr dazu übrigens auch in unserem aktuellen Insolvenzradar für Deutschland.

[1] Die Schäden sind hier zu verstehen als „erwartete Schäden“, die sich aus den voraussichtlichen Forderungen ergeben (Definition Destatis). Die tatsächlichen Schäden lassen sich erst nach Beendigung der Insolvenzverfahren überhaupt ermitteln. Da Insolvenzverfahren jedoch über mehrere Jahre laufen, können somit nur tatsächliche Schäden mehrere Jahre in der Vergangenheit erhoben werden, die von aktuellen Entwicklungen erheblich abweichen können. Die Entwicklung der voraussichtlichen Forderungen lässt jedoch Rückschlüsse auf die zu erwartenden tatsächlichen Schäden zu, weshalb diese als Grundlage der Analyse herangezogen werden.